Erlebnispädagogik
Erlebnispädagogik nutzt Gruppen-Erfahrungen in der Natur (Wald, Gebirge, See), um die Persönlichkeit und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Natursportarten wie z.B. (Segeln, Reiten, Radfahren, Outdoortraining, Sportklettern, Höhlenbegehung, Kajakfahren, Rafting und Canyoning) bieten dabei ein breites Spektrum an Erlebnismöglichkeiten, ergänzt mit Methoden aus Theater-, Abenteuer- und Spielpädagogik sowie der Gruppendynamik. Erlebnispädagogik gilt heute als integrativer Bestandteil ganzheitlicher Erziehungs- und Bildungskonzepte. Ursprünglich in der Reformpädagogik verwurzelt, gewinnt sie in jüngster Zeit wieder an Bedeutung, da Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz, Risikobereitschaft, Verantwortung und Persönlichkeit eine zunehmende Rolle in der Gesellschaft spielen.
Der erlebnispädagogische Ansatz basiert auf verschiedenen Prinzipien:
Aktion und Reflexion
Das bei natursportlichen und anderen Aktivitäten Erlebte wird sowohl in der Gruppe als auch in Einzelgesprächen reflektiert, um die gewonnenen Erkenntnisse im Sinne der Handlungsorientierung unmittelbar in das weitere berufliche Handeln einbringen zu können. Regelmäßige Reflexionen halten die Gruppe handlungsfähig und sind gleichzeitig eine unabdingbare Voraussetzung für den Transfer in den Alltag.
Ein reiner Aktionismus im Sinne eines Aneinanderreihens erlebnispädagogischer Übungen bzw. Aktivitäten ist wenig sinnvoll. Für die Leitung bzw. Trainer sind daher nicht nur natursportliche, sondern vor allem reflexive und kommunikative Kompetenzen notwendig und hilfreich.
Gruppenselbststeuerung
Anders als bei konventionellen Lernansätzen werden die Potenziale der Gruppenmitglieder in der Regel von Anfang an herausgefordert. Aus der Partizipation wird zunehmend die sogenannte Gruppenselbststeuerung. Es geht dabei um konkrete Abläufe im Gruppenprozess, z.B. wie die Gruppe zu Entscheidungen findet, Aufgaben verteilt, Lösungsvorschläge diskutiert, Konflikte löst und zusammen arbeitet. Die Dynamik in der Gruppe übernimmt Verantwortung für das interne Geschehen, die TrainerInnen übernehmen die Rolle als Moderator und/oder Prozessberater.
Freiwilligkeit
Jeder Teilnehmer ist für seinen Lernerfolg selbst verantwortlich und bestimmt selbst den Grad seiner persönlichen Herausforderung. Wird den Teilnehmern die eigene Entscheidungsfähigkeit genommen, wird auch schnell die Verantwortung für Erfolge oder Misserfolge auf die Person übertragen, die die Teilnehmer veranlasst hat teilzunehmen. Die Trainer können die Teilnehmenden ermutigen, müssen aber deren Entscheidung ernst nehmen und akzeptieren, wenn sie sich gegen eine Teilnahme aussprechen.
Vielfalt und Ganzheitlichkeit
Erlebnispädagogische Angebote beschränken sich in der Regel nicht auf einen natursportlichen Schwerpunkt, sondern integrieren verschiedene Erlebnisfelder und Szenarien in den Lernprozess. Die ausgewählten Natursportaktivitäten dienen in erster Linie als Weg zum Ziel bzw. Mittel zum Zweck. So soll beim Klettern beispielsweise Mut, Verantwortung, Risikobewältigung und Vertrauen zum sichernden Partner entwickelt werden, während eine mehrtägige Wanderung mit Übernachtungen in Selbstversorgerhütten oder Biwaks o.a. Planungskompetenz, Konstanz, Toleranz und Kooperationsvermögen verbessern soll. Ganzheitlichkeit als Anspruch bezieht sich darüber hinaus auch auf die Lernformen und „Settings“: Entspannung und Spannung, Bewegung und Ruhe, Aktion und Reflexion, kognitive und affektive Anforderungen, individuelle Zeiten z.B. in Form des so genannten „Solo“ und der gruppendynamischen Erfahrungsrahmen stehen in einer entsprechenden Balance.
Ernstsituation und Echtheit
Die Lerninhalte sind nicht „aufgesetzt“, sondern real bzw. funktional erforderlich (z.B. Segel setzen, Lawinenkunde zur Skitourenvorbereitung, Kartenkunde). Das Gewicht des Rucksacks oder der Schneesturm beim Aufstieg zur Hütte lassen sich nicht wegdiskutieren. Die Situationen sind, auch wenn sie von den Trainern vorbereitet bzw. gesucht werden, authentisch. Die Verantwortung für sich und andere ist echt: Fehler wirken sich aus und müssen nachgebessert werden. Das Prinzip der Authentizität und Echtheit bezieht sich nicht nur auf Situationen, sondern selbstverständlich auch auf die beteiligten Personen.
Individualität sehen und Herausforderungen entsprechend setzen
Ausgehend von den möglicherweise unterschiedlichen psychischen und physischen Voraussetzungen der Teilnehmer müssen die Szenarien sowie die damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen entsprechend variiert werden um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Jede Aktivität ist eine Aufgabe, deren Erfüllung aus subjektiver Sicht der Teilnehmer zwar als schwer, nicht aber als unüberwindbar angesehen wird. Deshalb sind subjektiv als Grenzerfahrung empfundene Belastungen möglich und wahrscheinlich. Aktivitäten sollen grundsätzlich so gestaltet werden, dass sie herausfordern. Die Trainer sollten diesbezüglich in der Lage sein, zu differenzieren und zu individualisieren. Wichtig ist es, nicht den Erwerb technisch instrumenteller Fähigkeiten, sondern die Persönlichkeitsbildung im Vordergrund zu sehen. Hierbei kann beispielsweise auch die Erfahrung eines vorläufigen Scheiterns bei einer Aufgabe lehrreicher sein als ein schneller Erfolg.
Dieter Barth, Senior Consultant M2M Consulting
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