KoluM2Mne: Imponderabilien
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Mein Wort des Jahres 2011 lautet: Imponderabilien. Noch nie gehört? Es lohnt sich!
Seit ich es kennengelernt habe – irgendwann im Zusammenhang mit den Ereignissen um Fukushima im Frühjahr dieses Jahres – entdecke und erlebe ich sie überall, die Imponderabilien, die Unwägbarkeiten!
Gemeint sind damit die zahlreichen, nicht kalkulierbaren und nicht quantifizierbaren Risiken. All das, wofür es (noch) keine Maßeinheit, keine Zahlen und/oder keine Begriffe gibt: Das (zufällige) Zusammentreffen von Ereignissen, Interessen und Ideen, Stimmen und Stimmungen, die etwas bewirken, was zuvor von ausgewiesenen Experten mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen wurde.
Doch darüber schmunzeln die Imponderabilien nur. Denn sie lieben es, uns zu überraschen, zu verblüffen und gelegentlich auch vorzuführen. Sie lehren uns die (un-)heimliche Furcht vor dem Niedergang und nähren andererseits auch unsere leise Hoffnung auf eine Sensation.
Sie sind übrigens auch schuld daran, dass wir Fußball mögen. Imponderabilien sind der Grund für Traumtore und Eigentore und dafür, dass - wie jüngst Ende November erlebt - Mainz 05 die Bayern mit einem 3:2 von der Tabellenspitze der Fußball-Bundeliga stürzen.
Ärgerlicher ist es dann schon, wenn man innerhalb von wenigen Stunden gleich zweimal von einem falschen Feueralarm aufgescheucht wird. So geschehen in Leer im Sommer diesen Jahres: Zunächst wurde ich durch selbigen in einem Restaurant in der Innenstadt - zu noch gemäßigter Zeit gegen 20.00 Uhr - vertrieben, um dann gegen 3.00 Uhr morgens genau aus gleichem Grund, jedoch durch eine völlig anderer Anlage, aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden. Einfach grauenvoll amüsant, mit wildfremden Menschen im Nachtgewand, ungewaschen, ungeschminkt auf dem Hotelflur Bekanntschaft machen zu dürfen. Das kann es eigentlich nicht geben.
Lustig oder auch nicht lustig, doch auf jeden Fall einmalig ist es, wenn man seiner Seminargruppe um 9.30 Uhr ausrichten muss, dass es bis 12.30 Uhr keine Möglichkeit gibt, eine Toilette aufzusuchen und im Fall der Fälle eben der Vorgarten zu düngen ist. So geschehen bei einem meiner Inhouse-Seminare in Köln im Herbst diesen Jahres. Den Namen des Kunden verschweige ich - aus Respekt.
Es sind allein die Imponderabilien, die den Menschen vor der Hybris der Ratio bewahren. Sie allein vermögen es noch, ihn zurückzuwerfen und ihn mit dem Basalen zu konfrontieren. Sie zeigen ihm die Grenzen der Berechenbarkeit und die Unendlichkeit der unklaren Fakten auf. Ja, ich oute mich genau deshalb als Fan des Unwägbaren, weil ich die Flachheit eindimensionaler Analysen und Anschauungen nicht mehr ertrage. Die Imponderabilien sind es, die uns vor Augen führen, dass die nüchternen Axiome der Mathematik nur noch selten gelten. Das einzige, worauf man sich noch verlassen kann, ist, dass 1 + 1 auf gar keinen Fall 2 ergibt. Beispiele gefällig?
Das Jahr 2011 hat gezeigt, dass ein Tzunami in Japan plus Wasserwerfer um Stuttgart 21 herum einen grünen Ministerpräsidenten im Land der Autobauer ergeben, dass viele Handys mit Kamerafunktion, etwas Facebook und Twitter zahlreiche arabische Frühlinge ermöglichen, dass viele Schulden, Griechenland und Berlusconi eine Eurokrise auslösen und und und… der Beispiele sind Legionen.
Allerdings ist es so, dass wir Imponderabilien nicht lange als solche ertragen und ganz flux eine rationale Erklärung parat haben: „Ist doch alles ganz logisch!“ hören wir dann allüberall. Der Clou ist nämlich, dass unwahrscheinliche Ereignisse im Nachhinein viel wahrscheinlicher erscheinen. Man will es kommen gesehen haben. Dies scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein:
Nein, man hat es eben nicht!
Am „besten“ gefallen mir Berater und Ratgeber mit so wertvollen Tipps wie sinngemäß: „Ziehen Sie alle Risiken, sogar die unwahrscheinlichsten, ins Kalkül und rechnen Sie ständig mit Imponderabilien!“, so der Börsenguru André Kostolany.
Aha, vielen Dank für den großartigen Tipp! Das ist ungefähr so, als würde die Wettervorhersage sagen: „Stellen Sie sich auf Temperaturen um den absoluten Gefrier- und Siedepunkt ein. Auf jeden Fall gibt es morgen wieder Rohrbruch und Feueralarm, Erdbeben und Wasserwerfer – Hoppla – auf jeden Fall gibt es ein Neues Jahr und sehr viel Frühling – Upps – bei uns sind Sie richtig und auf jeden Fall ganz sicher – Peng – dafür stehen wir – mit Zertifikat und Garantie – Was war das denn…?“
Na dann mal: Prost Neujahr!
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