Outdoor Training
Als geistiger Vater des Trainings in der Natur gilt der deutsche Reformpädagoge Kurt Hahn, der unter anderem im Jahr 1920 die Schule Schloss Salem gegründet hat. Hahn kritisierte die 'Lehrer- und Stoffschule', die auf rein kognitive Wissensvermittlung statt auf eine ganzheitliche Bildung setze. Außerdem diagnostizierte er bei den Menschen einen Verfall der Sorgsamkeit, der Eigeninitiative, der körperlichen Tauglichkeit und der Selbstdisziplin. Deshalb entwickelte er die so genannte 'Outward Bound-Pädagogik'. Dabei setzte er auf körperliches Training, Berg- und Segel-Expeditionen sowie Rettungsausbildungen.
Während Hahns zentrales Anliegen die Charakterbildung und die Erziehung zur staatsbürgerlicher Verantwortung der Jugendlichen war, reduziert sich der Erlebnisansatz bei Firmentrainings auf eine Lernmethode, mit der Schlüsselqualifikationen wie
* Eigeninitiative
* Kreativität
* Kooperationsfähigkeit
* Problemlösungsfähigkeit
* Selbststeuerungsfähigkeit
* Lernfähigkeit
* Konfliktfähigkeit
* Teamfähigkeit
geschult werden. Dennoch erfreuen sich Outdoortrainings als Instrument der Personalentwicklung einer stetig wachsenden Beliebtheit. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Teamentwicklung und der Unterstützung der Unternehmenskultur.
Im Wesentlichen lassen sich zwei Hauptformen von Outdoortrainings unterscheiden:
1. Wilderness-Kurse, die ganz in den Outdoors stattfinden
2. Outdoor-orientierte Programme, die auf speziellen Outdoor-Parcours bzw. Seilgärten mit vielen kleinen Handlungselementen durchgeführt werden.
Auch die Kombination beider Typen ist möglich.
Wilderness-Kurse eignen sich dabei insbesondere für den Erwerb von Zusammenhangs- und Handlungswissen, da sie die Teilnehmer mit komplexen Ausgangsproblemen konfrontieren.
Sind viele kleine Lerneinheiten mit sofortigem Feedback gefragt, ist ein Outdoor-Parcour geeigneter. Er bietet eine Fülle unterschiedlicher Einzel- und Teamaktivitäten sowie wiederholtes Einüben von Fertigkeiten und Fähigkeiten in relativ kurzer Zeit. Darüber hinaus ermöglicht er gute Vergleichsmöglichkeiten von Lernfortschritten. Beispielsweise können bestimmte Situationen sowohl in Konkurrenz als auch konkurrenzfrei durchgespielt werden, um Synergieeffekte der Teamarbeit besonders eindrücklich zu vermitteln.
Der Nachteil der outdoor-orientierten Programme: Sie sind an die Struktur des Parcours gebunden und besitzen daher weniger Spannung, Mehrdeutigkeit und Ungewissheit des Ausganges als diejenigen Situationen, die sich in den Wilderness-Programmen aus unüberschaubaren Naturumständen ergeben. Letztere fordern auf Grund ihres stärkeren "Live-Charakters" insbesondere die unmittelbare Handlungskompetenz der Teilnehmer, liefern besonders authentische Lernsituationen und fördern das entdeckende, offene Lernen.
Die Methode ersetzt nicht die Zielsetzung!
Gerade Outdoortrainings verleiten dazu, bereits die Methode zum Ziel zu erheben - mit der Gefahr, dass man sich die entsprechenden Probleme erst zurechtbiegen muss, um die Methode wirkungsvoll anwenden zu können. Auch bei Outdoortrainings ist indes die Umsetzung auf betriebliche Problemstellungen das Schlüsselkriterium für den Transfererfolg. Ausgangspunkt aller Überlegungen sollte daher nicht das Outdoor-Element selbst sein - also etwa die Rafting-Tour, der Segeltörn oder der Hochseilgarten -, sondern die konkrete Formulierung der erwünschten Trainingsziele.
Sie bestimmen das Programm, seine Integration in betriebsspezifische Erfordernisse und schließlich die Wahl der Outdoor-Aktivitäten. Des Weiteren muss Klarheit darüber herrschen,
* welche Outdoor-Elemente zu ihrer Bewältigung diejenigen Kompetenzen verlangen, die später am Arbeitsplatz benötigt werden,
* ob die Outdoor-Elemente und Aufgabenstellungen verlässliche Aussagen für den Transfer zulassen,
* ob Gewichtung und Abfolge der Outdoor-Elemente in sich schlüssig sind und einer sinnvollen Dramaturgie folgen,
* ob, in welcher Form und in welchen zeitlichen Abständen Gelegenheit für die Reflexion des Gelernten zwischen den einzelnen Aktionen eingeplant wird.
Insbesondere bei dem letztgenannten Punkt folgen die Anbieter von Outdoortrainings unterschiedlichen Philosophien:
Die Anhänger des reinen 'Outward Bound' folgen der These 'The mountains speak for themselves'. Ihrer Ansicht nach ist eine umfassende Reflexion des Erlebten in der Gruppe nicht nötig. Sie fürchten bei dieser Vorgehensweise vielmehr das Zerreden der Erfahrung.
Die Anhänger des 'Outward Bound plus' hingegen gehen davon aus, dass durch die innere Reflexion des Einzelnen das Erlebnis zwar zur Erfahrung wird, diese aber erst durch die bewusste Reflexion in der Gruppe neue Denk- und Verhaltensmuster bewirkt. Damit sind die Anforderungen an die Kompetenzen des Trainers ungleich höher:
* Gelingt es ihm, Bezüge zwischen dem Handlungsfeld Outdoors und dem Funktionsfeld Betrieb herzustellen?
* Schafft er es, die erfolgreichen Outdoor-Erfahrungen in praktikable Handlungsstrategien, Arbeitsstrukturen und Managementprozesse umzusetzen – und zwar in der Form, wie sie in der Unternehmung auch realisiert werden sollen?
In diesem Fall ist neben fundierten erlebnispädagogischen Kenntnissen des Trainers auch die Fähigkeit gefragt, Teamprozesse situativ aufzugreifen, zu moderieren, durch Feedback zu spiegeln und durch angemessene Reflexionsschleifen den Transfer für denbetrieblichen Alltag zu fördern und zu unterstützen.
Dieter Barth, Senior Consultant M2M Consulting
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