Hilfe: Meine Führungskräfte führen nicht zeitgemäß

In der vergangenen Woche hatte ich folgende typische Anfrage: Der Bereichs- und der Abteilungsleiter wollen in einer Abteilung „Verbesserungsmaßnahmen“ durchführen. Im Vorgespräch präsentieren sie mir eine lange Liste an Herausforderungen:

  • „Meine Mitarbeiter kommunizieren nicht ausreichend miteinander“
  • „Die Mitarbeiter entscheiden nicht selbstständig“
  • „Sie eskalieren zu häufig an mich“
  • „Die Meetings sind zu lange und nicht effektiv“
  • „Wir haben zu viel zu tun und kommen nicht nach“
  • „Die Mitarbeiter sind unzufrieden und frustriert“ usw.

Eine zusätzliche Schwierigkeit wird darin gesehen, dass sich kein einheitliches Bild zeigt: Was die einen gut finden, finden andere schlecht und vice versa. Und die Lösungsvorschläge – nicht selten auch direkt aus den Personalabteilungen – werden gleich mitgeliefert: Sie lauten z.B.

  • „Führen Sie mal Analysegespräche durch“
  • „Wir brauchen Trainings zu den Themen »Kommunizieren« und »Entscheiden«“
  • „Wir brauchen klare Regeln für unsere Kommunikation und Meetings“

Die Analyse-Falle

Menschen neigen dazu, Situationen analysieren zu wollen und suchen nach geeigneten Methoden dafür. Eine solche – nicht geeignete – Methode ist beispielsweise der Versuch, Menschen, Teams und Kommunikation analysieren zu wollen. Besonders häufig treffe ich den Analysewunsch in technischen und ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen und Branchen an.

Doch eine Analyse einer komplexen Situation kann nicht erfolgreich sein, denn sie geht von einer Welt aus, in der es vor allem linear-kausale Zusammenhänge gibt, also eindeutig benennbare Ursachen für die jeweiligen Probleme. Und sie geht davon aus, dass es ein Richtig und ein Falsch gibt. Dies ist allerdings in sozialen, lebendigen Systemen (leider/zum Glück) nicht der Fall.

Eine Analyse nützt nicht nur nicht, sie schadet sogar: Erstens kostet sie Zeit und Geld. Zweitens schafft sie Hoffnungen, die im Anschluss meisten nicht erfüllt werden können. Und drittens verfestigen sie ein mechanistisches Weltbild der Beteiligten, indem sie unbewusst vorgaukeln, dass es so etwas wie eindeutige Ursachen oder gar Schuldige gibt.

Die Trainings-Falle

Eine zweite Falle besteht darin, zu glauben, dass sich irgendetwas wirksam bewegen wird, wenn Experten sagen, was zu tun oder zu lassen ist und mit Anleitungen und Bestsellern daherkommen, die da heißen „Schritt eins bis fünf zu einer besseren Kommunikation“ oder „Führungserfolg leicht gemacht“.

„How to …“-Rezepte sind nützlich, wenn es um die Abarbeitung einfacher oder komplizierter Prozesse geht. Für komplexe Herausforderungen kann kein Handbuch geschrieben werden, da jede komplexe Situation einmalig und viel zu vielschichtig ist, als dass sie sich in Anweisungen aufdröseln lässt.

Außerdem sind Sichtweisen auch eingeschränkt, weil wir einer Menge Wahrnehmungsfilter ausgesetzt sind und kognitive Grenzen haben. Was hier helfen und verändern könnte, ist Bewusstheit sowie eine veränderte Haltung und Einstellung. Und dies ist nicht über Tools zu lösen. Das benötigt ein mentales Update.

Was also tun?

Finden Sie heraus, wann Sie es mit welchem Systemtyp zu tun haben und wann welche Tools und Methoden erfolgreich sind bzw. scheitern.

Um den Hilfeschrei der Überschrift dieses Artikels aufzugreifen: Zeitgemäße Führung – also Führung in einem komplexen Umfeld – bedeutet, nicht vorschnell ein Urteil und eine Entscheidung herbeizuführen. Im Gegenteil: Geduld und ein langer Atem ist gefragt.

Es geht darum, Perspektiven zu verändern und eine Sache von möglichst vielen Seiten zu betrachten. Es geht darum, die eigenen inneren Bilder oder (Vor-)Urteile wahrzunehmen. Es geht darum, ein Sowohl-als-auch auszuhalten und Widersprüchlichkeiten oder Ambivalenzen nicht dadurch aufzulösen, dass die eine oder die andere Seite ausgeblendet oder abgelehnt wird.

Durch dieses Sowohl-als-auch erzeugen wir bewusst Komplexität. Das ist wichtig. Denn noch immer gilt die Erkenntnis von Albert Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Auf diese Weise werden wir den Anforderungen am ehesten gerecht. Adäquate Impulse für Lösung können entstehen.